IN MEMORIAM

 
In memoriam Prof. Dr. Günther Andergassen / Bozen, Innsbruck

In memoriam Martin Antretter / Westendorf, Nordtirol

In memoriam Adolf Meinel / Markneukirchen, Sachsen

In memoriam Ernst Volkmann / Ingolstadt, Bayern


In memoriam Prof. Dr. Günther Andergassen

Bild    Günther Andergassen

Prof. Dr. Günther Andergassen (17.4.1930 - 19.1.2016) - war eine markante Musikerpersönlichkeit (Komponist, Chorleiter, Musikpädagoge), die vielen Musiklehrern in Tirol als universell gebildeter (Romanistik, Anglistik, Kunstgeschichte, Philosophie, Musikwissenschaft) und engagiert und vielseitig Unterrichtender am Tiroler Landeskonservatorium in Erinnerung ist. Er war der wesentliche Motor für den Aufbau der modernen Musiklehrer-Ausbildung (Instrumental-und Gesangspädagogik IGP); zahlreiche Preise und Ehrungen würdigen sein Schaffen. Als Komponist hinterlässt er uns Zitherspielern zwei richtungsweisende Werke, den »Zyklus für Zither« (Preissler-Verlag), ein höchst anspruchsvolles, akribisch durchgearbeitetes Stück, und den »Jahreskreis«, 14 Lieder auf japanische Haikugedichte für Sopran und Zither (Psalteria-Verlag), ein atmosphärisch-dichtes, in Naturmystik ruhendes und atmendes Werk.

Anlässlich des Requiems für Prof.Dr. Günther Andergassen hielt Dr. Nikolaus Duregger, Direktor des Tiroler Landeskonservatoriums, folgende Ansprache:
»Kämpfer für den Frieden war er und streitbarer Geist der Versöhnung.
Paradoxa nur auf den ersten Blick!
Ja, Günther Andergassen war ein streitbarer Mensch, nicht scheute er den Konflikt!
Friede kann nachhaltig nur auf dem Boden der Freiheit und Gerechtigkeit herrschen, war seine feste Überzeugung. Probleme unter den Teppich zu kehren, krumme Kompromisse einzugehen oder träge Toleranz an den Tag zu legen, waren für ihn Zeichen der Unlauterkeit, der Schwäche und fatale Vorboten des Verhängnisses von morgen.
Das faschistische Siegesdenkmal in Bozen war für ihn das sichtbare Zeichen der Ungerechtigkeit, der Arroganz, der Unterdrückung »seiner« Sprache und Kultur. Sein furchtloser, konsequenter Kampf gegen dieses Denkmal und den Geist, den es verkörpert, kosteten ihn sieben lange Lebensjahre in italienischen Gefängnissen.
Andergassen war eine starke Persönlichkeit, eine erstaunliche Persönlichkeit: Er war streng und freundlich, er war mitunter fast pedantisch genau und hatte doch den weiten Blick des Künstlers und Kulturmenschen, er war leidenschaftlich Lehrender und zeitlebens Lernender, er war Scholastiker und Mystiker, Wissenschaftler und Christ, aber nicht hin- und hergerissen zwischen diesen vielfältigen Facetten seines Wesens, sondern ruhte kompakt und authentisch in ihnen.
Ab 1958 unterrichtete er am Mozarteum Salzburg Musikgeschichte, Chorwesen, Tonsatz und Kunstgeschichte.
Im Jahr 1961 rief ihn Kurt Rapf ans Konservatorium nach Innsbruck und beauftragte ihn mit dem Aufbau der pädagogischen Abteilung.
In den dreißig Jahren bis 1991 (unterbrochen durch die sieben Jahre der Gefangenschaft) war er Lehrer für Komposition, Tonsatz, Kulturkunde, Chorleitung, Leiter des Seminars B bzw. später der Instrumental- und Gesangspädagogik.
Ab 1982 lehrte er zusätzlich am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Innsbruck Kontrapunkt und Musik des 20. Jahrhunderts.
1990 bis 1995 war er Direktor des Vorarlberger Landeskonservatoriums in Feldkirch.
Essenziell für die österreichischen Konservatorien war sein wesentlicher Beitrag zu einem modernen Curriculum für ein neuartiges IGP-Studium. Es ermöglichte die notwendige Durchlässigkeit in Richtung Musikhochschulen. Höhere Absicht dahinter war, die Konservatorien selbst zu Musikhochschulen zu machen, denn er hat schon früh erkannt, dass die vom Bund sukzessive mit immer mehr Macht und Möglichkeiten ausgestatteten Musikhochschulen die Konservatorien in die Krise katapultieren. Der spätere Bologna-Prozess hat das Dilemma der Konservatorien drastisch-dramatisch aufgezeigt. Dieses Dilemma besteht weiterhin!
1969 wäre das Konservatorium Innsbruck beinahe Musikakademie geworden. Der Bund hat sich nach kontroversiellen Diskussionen schließlich dagegen ausgesprochen. Es ist ein einziger großer Jammer, dass Dr. Günther Andergassen zu dieser Zeit in einem italienischen Gefängnis saß und SEIN Konservatorium nicht in diesem wichtigen Anliegen unterstützen konnte!
Für seine vielfältigen Leistungen ist er 1991 mit dem Verdienstkreuz des Landes Tirol ausgezeichnet worden.
Nicht alle seine Ziele konnte er verwirklichen. Menschenwerk muss immer Stückwerk bleiben. Den Status des Konservatoriums auf das Niveau der Musikuniversitäten zu heben wird u.a. meine Aufgabe, das lebenslange Ringen Prof. Andergassens um Frieden und Freiheit fortzuführen unser aller Aufgabe sein.«
(Dr. Nikolaus Duregger, Direktor des Tiroler Landeskonservatoriums, 2016)


In memoriam Martin Antretter

Bild    Martin Antretter

Martin Antretter wurde am 9. 1. 1931 in Westendorf geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. In den frühen Nachkriegsjahren arbeitete er hauptberuflich zwar noch als Holzknecht, schlug dann allerdings eine Laufbahn als Berufsmusiker ein. 1973 heiratete er und gründete eine Familie, aus der 3 Kinder hervorgehen.
Schon als junger Bub erlernte Martin das Zitherspiel von Karl Rietzler, dieses Instrument sollte später seine musikalische Laufbahn prägen. In den 50er Jahren stand allerdings auch ein anderes Instrument – die Klarinette – im Vordergrund. Neben seiner Mitwirkung in der Musikkapelle spielte Antretter in diversen Tanzmusik-Formationen.
Schon 1951 ergab sich der erste Auslandsauftritt mit TV-Aufnahmen (gemeinsam mit der Gruppe Sophie Wilhelm) in London.
Von 1953 - 1958 bestand das legendäre Salvenberg Trio, das Martin Antretter (Zither, Klarinette) gemeinsam mit Karl Rietzler und Jakob Oberhauser bildete. Die Besetzung mit Kontragitarre, Harmonika und Zither/Klarinette sowie die anspruchsvollen und schwungvollen Stücke sind Kennern auch heute noch in Erinnerung. Bekannte Stücke wie z.B. die »Spielhahnpolka« oder »Auf der Kalbei-Alm« gehen auf diese Zeit zurück und wurden von Antretter komponiert.

Bild    Salvenberg Trio

Von 1958 – 1969 war Martin Antretter abwechselnd im bekannten Kufsteiner »Auracher Löchl« sowie im Amsterdamer Cafe »Zirbelstube« (während der Wintersaison) engagiert.
In den frühen Siebzieger Jahren wirkte Martin Antretter gemeinsam mit Fritz Koch, Leonhard Schipflinger sowie Peter Hechenblaikner in der Saitenmusik Koch-Antretter, es kamen auch etliche Rundfunkaufnahmen zu Stande.
Es folgten viele weitere Auftritte mit der Zither im In- und Ausland, wie beispielsweise vor der königlichen Familie in Holland oder in der amerikanischen Botschaft in Wien. Im Rahmen der Bundeswirtschaftskammer gab es Auftritte in Hong Kong, Tokyo, Manila, Caracas usw. Aber auch in der lokalen Umgebung war Martin Antretter fest verankert, wie beispielsweise beim Stanglwirt in Going oder in der Griessner Alm, wo er auch gemeinsam mit dem Wirt Fritz Dornauer und Fritz Koch musizierte. Beim Postwirt in Westendorf schließlich spielte Martin Antretter regelmäßig über viele Jahrzehnte und auch bis zuletzt im Juni 2010. Der Vollblutmusikant war bis kurz vor seinem Ableben in seinem so geliebten Beruf noch höchst aktiv.
Martin Antretter erhielt die Auszeichnungen »Goldener Musikant« sowie 1987 die Verdienstmedaille des Landes Tirol.
Am 4. August 2010 verlor die Tiroler Volksmusik mit Martin Antretter einen großen Musiker und Komponisten.
(Rainer Antretter, 2010)

Kompositionen
Auf der Goasalm, Auf der Kalbei Alm, Fleiding Landler, Auf der Leitn, Juhee Sennerin, Spielhahnpolka, sDirndl gfreits, Die Gamslan, Rund und kuglat, Gruß von der Hohen Salve, Abendstimmung, Beim Lendwirt is lustig, In der Brennhüttn.

Bearbeitungen
Wenn wir am Sonntag in die Kirche gehen, Verheirat', verheirat' bin i, Wo die Alpenrosen blüh'n, Ja weil du so schön tanzen kannst, sWeiberl jesas na.


In memoriam Adolf Meinel

Bild Adolf Meinel    Adolf Meinel

Am 25. Mai 2009 verstarb im Alter von fast 99 Jahren einer der bekanntesten Zithernbauer, der Nestor der Markneukirchener Instrumentenbauer, Adolf Meinel.

Adolf Meinel wurde am 30. Oktober 1910 in Markneukirchen als Sohn von Adolf Friedrich Meinel (1872 – 1953) geboren. Nach Beendigung seiner Schulzeit absolviert er zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Anschließend erlernte er in der traditionsreichen elterlichen Instrumentenbauwerkstätte den Beruf des Zitherbauers und legte 1929 die Gesellenprüfung mit Auszeichnung ab. Im Jahre 1936 bestand er auch die Meisterprüfung als Zupfinstrumentenbauer.

Wahrscheinlich hätte es für Adolf Meinel nie etwas anderes gegeben als diesen Beruf. »Ich war gut in der Schule, aber ich wollte arbeiten, in der Werkstatt Instrumente bauen. Zitherbauer ist kein Beruf, dazu muss man geboren sein. In den Instrumenten steckt eine Seele, die man ihnen gibt.« Der Arbeitsalltag des Instrumentenbauers begann schon früh: Morgens um 4.30 Uhr aufstehen, die Werkstatt heizen, alles für sich und die Gesellen vorbereiten, um pünktlich um 6.00 Uhr mit der Arbeit beginnen zu können

Adolf Meinel fertigte in dritter Generation des bereits von seinem Großvater im Jahre 1862 gegründeten Betriebes Zithern und Gitarren, die in der ganzen Welt hohe Anerkennung fanden. In enger Zusammenarbeit mit seinem Vater wurde die Klangqualität der Meinel-Zithern auf ein außerordentliches Niveau angehoben. Zusätzlich befasste sich Adolf Meinel aber auch mit der Weiterentwicklung der Saiten. Er erprobte und berechnete die günstigsten physikalischen Zusammenhänge zwischen der Mensur, der Saitenspannung, dem Saitenkern und der Umspinnung der Saiten, um eine optimale Klangqualität auch im Bereich der Saiten zu gewährleisten.

In den 30er Jahren interessierte sich Adolf Meinel in besonderem Maße für die Entwicklung der Quint- und Basszither. Dadurch war es möglich, auch die Zitherspieler – wie in einem klassischen Quartett – mit Quint-, Diskant-, Alt- und Basszither gemeinsam musizieren zu lassen. Was nur wenige wissen, ist die Tatsache, dass Adolf Meinel eine Zeitlang auch Zither- und Gitarrenunterricht erhalten hat, und zwar von dem Zithervirtuosen Ernst Rommel, Lehrer für Zither an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar.

Seit etwa 1930 beschäftigte sich Adolf Meinel – zunächst mehr aus persönlichen Gründen – mit dem Bau von Gitarren. Daraus entwickelte sich dann ein zweiter Geschäftsbereich. Diese Entwicklung sollte sich später als sehr nützlich erweisen, half sie doch mit, während der DDR-Zeit den Fortbestand der traditionsreichen Instrumentenbauwerkstätte zu sichern. Adolf Meinel äußerte sich folgendermaßen dazu: »… ich habe durch den Bau beider Instrumente Einblicke gewonnen, die ich als Nur-Zitherbauer oder als Nur-Gitarrenbauer niemals hätte erwerben können …«.

Die Werkstatt Adolf Meinel war besonders in den Jahren 1920 bis 1940 und auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Bau der Berliner Mauer eine Drehscheibe in der Zitherwelt. Fast alle führenden Zithersolisten wie Wilhelm Otto Mickenschreiber, Ferdinand Kollmaneck, Otto Blasius, Ernst Rommel, Fred Rüffer, Josef Haustein, Wilhelm Tafelmayer, Max Schulz, Max Albert, Emil Holz, Ewald Kuchenbuch und der langjährige Vorsitzende des Zentralverbandes Deutscher Zithervereine, Albert Bernet (um nur einige zu nennen), gingen in dieser Werkstätte ein und aus oder standen mit Adolf Meinel senior und junior in brieflichem Gedankenaustausch. Die noch vorhandenen Briefwechsel geben uns heute einen Einblick in die damals bereits vorhandene intensive Zusammenarbeit von Zitherbauer und Zitherspielern. Die schriftlichen Kontakte mit den Zitherspielern pflegte der damalige Adolf Meinel junior über einen sehr langen Zeitraum bis in die 90er Jahre hinein und nicht selten schrieb er bis zu 15 Briefe an einem Tag, und das natürlich mit der Schreibmaschine. Obwohl oder gerade weil es den PC noch nicht gab, waren seine Briefe grundsätzlich fehlerfrei. »Das war immer herrlich, diese persönlichen Verbindungen mit den Musikanten. Aus jedem Jahr habe ich 10 Ordner mit Briefen. Darin haben wir alles besprochen, und aus jedem leuchtet eine gegenseitige Achtung heraus«.

Neben seiner Arbeit in der Instrumentenwerkstatt besaß Adolf Meinel nur ein Hobby: das Bergwandern. So wurden nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. drei Viertausender in der Schweiz bestiegen, selbstverständlich mit einem Zitherfreund.

Während der schwierigen Zeit des realen Sozialismus in der DDR war ein Güteraustausch mit der Bundesrepublik Deutschland und anderen Ländern nur über die staatlichen Vertriebswege möglich, sowohl bei den Gitarren als auch bei den Zithern. Obwohl sich nun der Produktionsschwerpunkt auf die Gitarren verlagerte und Adolf Meinel sich gezwungen sah, Angestellte zu entlassen, wurden nach wie vor Zithern gebaut. Auch die Instrumente aus dieser Ära wurden stets als Künstlerinstrumente in bewährter, bester Qualität ausgeliefert.

Obwohl er eigentlich mit 79 Jahren ans Aufhören gedacht hatte, stürzte sich Adolf Meinel nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten noch einmal in die Arbeit und stellte – zusammen mit seiner Tochter Ulrike, die selbst ihren Meisterbrief seit 1982 besitzt, wieder verstärkt Zithern her. Die Übergabe der Werkstatt erfolgte also über viele Jahre hinweg, die Tradition wurde nahtlos an die nächste Generation weitergegeben. Heute werden in dieser Werkstatt fast ausschließlich Zithern gefertigt und Reparaturen durchgeführt.

Im Jahre 2004 konnte der Jubilar zusammen mit seiner Frau die Diamantene Hochzeit feiern. Die beiden waren 60 Jahre verheiratet und lebten nach wie vor in der eigenen Wohnung. Adolf Meinel lebte - bis kurz vor seinem Tod - noch sehr aktiv für sein Alter und vollkommen selbständig, bei geistiger Frische und vollkommener Interessiertheit am Geschäft und am Weltgeschehen. Er löste weiterhin seine Kreuzworträtsel und machte seinen täglichen Rundgang durch die Stadt; seine Energie beispielgebend, auch für seine vier Enkelkinder.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Adolf Meinel mit seiner Arbeit bleibende Maßstäbe im Zitherbau gesetzt hat, seine Instrumente sind auch heute noch beliebt und gesucht. Er hat sich stets für die Weiterentwicklung der Zither, für die Herstellung bester Zithersaiten und für optimales Bünde-Material eingesetzt.

Der Deutsche Zithermusik-Bund verliert mit Adolf Meinel einen seiner renommiertesten Zitherbauer. Er hat die Geschichte des Zitherbaus über viele Jahrzehnte mitgeprägt und sich um die Zither und die Zithermusik große Verdienste erworben. Alle, die Adolf Meinel auch persönlich kennengelernt haben, werden sich immer gerne an ihn erinnern.

(Artikel von Heinz Mader, Präsident des Deutschen Zithermusik-Bundes, Quelle: Saitenspiel, Heft 4/2009, Zeitschrift des DZB)


In memoriam Ernst Volkmann

Bild Ernst Volkmann    Ernst Volkmann

Am 6. Oktober 2009 starb im Alter von 88 Jahren in Ingolstadt einer der bekanntesten Zitherbauer, Ernst Volkmann.

Ernst Volkmann wurde am 22. Juni 1921 in Schönbach (Böhmen) als Sohn von Hans Volkmann (»Leopoldnhans«) geboren. Er besuchte 5 Jahre lang die Volksschule, danach 3 Jahre die Bürgerschule in Schönbach. Von 1935 bis 1938 absolvierte er eine Lehrzeit als Geigenbauer, anschließend arbeitete er ein Jahr als Geselle in der Werkstatt seines Vaters.

Am 2. Oktober 1939 wurde er zum Wehrdienst in die Luftwaffe einberufen. Von November 1940 an war er Flugzeugführer, hauptsächlich auf Stukas, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945. Vor der kurzen Gefangenschaft bei den Amerikanern flog Ernst Volkmann einmal mit seiner Maschine bis nach Schönbach und landete dort.

Anschließend wurde er zum Arbeitsdienst bei den Tschechen einberufen und arbeitete dort bis zur Vertreibung am 17. August 1946.

In Ingolstadt fand er mit seiner Familie eine neue Heimat. Zunächst arbeitete er mit seinem Vater bei Vinzenz Jung in Langquaid als Geselle für Reparaturen. Im August 1947 eröffnete sein Vater Hans Volkmann in Ingolstadt, Griesmühlstr. 12, wieder eine eigene Werkstatt, damals die einzige zwischen München und Nürnberg sowie Regensburg und Donauwörth. Der Bedarf an Reparaturen und neuen Instrumenten für Theater und Kammerorchester, für Gymnasien und Realschulen war sehr groß. Im Januar 1948 trat auch Ernst Volkmann wieder in die Werkstatt seines Vaters ein. Durch viele Reparaturen an alten Instrumenten kam er schließlich zum Zitherbau. 1953 machte er sich selbstständig und mietete in der Remise 38 in Ingolstadt eine größere Werkstatt, in der dann auch sein Vater mitarbeitete.

Die Firma Ernst Volkmann wurde schnell bekannt. Es wurden alle Arten von Zithern in dieser Werkstatt hergestellt. Auch ausländische Kunden wurden beliefert, z.B. aus Österreich, der Schweiz, Holland, Italien, aus den USA, aus Neuseeland und Japan.

Zum größten Erfolg wurde 1969 die Entwicklung der Zither in Psalterform. So kam Ende der 1950er Jahre Richard Grünwald bei einem Besuch in Ingolstadt in die Zitherbauwerkstatt von Ernst Volkmann. Dieser fragte Grünwald: »Wieso lehnen Sie die Basszither so entschieden ab, da wir doch im klassischen Zitherquartett, ähnlich wie im Streichquartett, ein Bassfundament brauchen?« Lapidar erwiderte Grünwald, dass alle Instrumente, die tiefer als die Altzither sind, doch keinen befriedigenden Ton hergäben. Doch Ernst Volkmann machte sich daran, trotz der Skepsis von Richard Grünwald eine eigene Basszither zu entwickeln.

Die intensive Beschäftigung mit theoretischen Ausarbeitungen über den Kontrabass führte ihn schließlich zu der Erkenntnis, dass zur Erzeugung tieferer Töne die Mensuren und Saitenlängen deutlich länger und die Saiten selbst mehr Masse bekommen müssten. Dass der neu entwickelten Basszither wegen ihrer neu entwickelten Form und ihrer Größe anfangs noch mit Skepsis begegnet wurde, war nicht verwunderlich, doch der warme Ton fand schließlich Anerkennung und Bewunderung.

Der Komponist Alfred von Beckerath war vom Klang der neuen Volkmann’schen Basszither so angetan, dass er spontan für Fritz Wilhelm, der Volkmann bei der Entwicklung des neuen Instrumentes in jeder Weise unterstützt hatte, eine Suite komponierte. Diese wurde 1974 von Fritz Wilhelm im Beisein des Komponisten in einem Jubiläumskonzert für Alfred von Beckerath in Ingolstadt-Mailing uraufgeführt.

War es zunächst nur die Absicht Volkmanns, durch die Entwicklung der Psalterform die Basszither zu verbessern, so wurde er schließlich von Zitherspielern bedrängt, insbesondere auch von Fritz Wilhelm, diesen neuartigen Resonanzkörper auch beim Bau der Alt- und Diskantzither anzuwenden. Die erste Altzither in Psalterform wurde 1974 fertiggestellt und von Fritz Wilhelm erstmals bei einem Solistenkonzert im Schubertsaal in Wien der Öffentlichkeit präsentiert. Dr. Knotzinger, ein Vertreter der Wiener Besaitungsart, urteilte damals nach dem Konzert begeistert: »Diese Altzither ersetzt im Klangvolumen zwei gute Gitarren!« Ein komplettes Zitherquartett in Psalterform wurde dann erstmals 1981 bei den Zithermusiktagen in Stuttgart vorgestellt. Es fand viel anerkennende Beachtung und mancher Skeptiker ließ sich überzeugen.

Im Dezember 1983 wurde die Arbeit Ernst Volkmanns jäh unterbrochen. Die Folgen einer zunächst nicht so schwierig eingeschätzten Kropfoperation, ein Schlaganfall und eine Lungenembolie hielten ihn wochenlang auf der Intensivstation fest, wobei die Aussicht auf Genesung zunächst sehr gering war. Erst nach einem halben Jahr hatte er sich so weit erholt, dass er langsam seine Arbeit wieder aufnehmen konnte.

Schon bei den Zithermusiktagen 1984 in Regensburg stellte er eine neue Generation des Zitherquartetts in Psalterform vor, wobei jedes Instrument auf einem eigenen Resonanztisch stand, der nach den Prinzipien eines Instruments als eigener Resonanzkörper gebaut worden war.

Die größte offizielle Anerkennung seiner Entwicklungsarbeit erntete Ernst Volkmann, als ihm anlässlich der Musikmesse in Frankfurt/Main der »Deutsche Musikinstrumentenpreis 1993« zuerkannt wurde. Die Tests hierzu waren von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig durchgeführt worden. Von 100 möglichen Punkten erhielt seine Zither in Psalterform 96 Punkte. In den Kategorien Klangfarbe, Klangfülle, Dynamik, Ausgeglichenheit, Klang der Griffsaiten, Klangreinheit, Spielbarkeit, Bundreinheit, Stimmbarkeit, äußeres Erscheinungsbild, Akzeptanz der Besonderheiten sowie im Preis-Leistungsverhältnis erzielte seine Psalterzither jeweils den ersten Rang. Noch im gleichen Jahr wurde seine Zither in Psalterform auch mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet.

Aber noch eine weitere Entwicklung von Ernst Volkmann soll erwähnt werden: das Psaltrinchen. Dieses Instrument mit einem Griffbrett mit 36 cm Saitenmensur lässt einen geringen Saitenzug zu, sodass auch jungen Kindern das mühselige Drücken auf die Saiten wesentlich erleichtert wird. Ernst Volkmann hat mit seinen Entwicklungsarbeiten, insbesondere der Psalterzither, bleibende Maßstäbe im Zitherbau gesetzt hat und die Entwicklung im Instrumentenbau einen bedeutenden Schritt vorangetrieben.

Der Deutsche Zithermusik-Bund verliert mit ihm einen seiner renommiertesten Zitherbauer. Er hat die Geschichte des Zitherbaus über viele Jahrzehnte mitgeprägt und sich um die Zither und die Zithermusik große Verdienste erworben. Alle, die das Glück hatten, Ernst Volkmann auch persönlich kennengelernt haben, werden sich mit Sicherheit gerne an ihn erinnern.

(Artikel von Heinz Mader, Präsident des Deutschen Zithermusik-Bundes, Quelle: Saitenspiel, Heft 6/2009, Zeitschrift des DZB)